Gipfelstürmer:

Gipfelstürmer:


001 Aus der Vergangenheit.
002 Brüderchen ...





001


002


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E-Mail: ludwig.eppendorf@freenet.de

Letzte Änderung am 08.02.2019

001

56 Jahr teils heiter, ... .

Zeit der Kindheit und Zeit der Jugend


Einmal hier, einmal dort

Die Mutti von Fritz lebte 1938 an der schönen Saar, in Mettlach. 1938 ist das Geburtsjahr von Fritz.

Am zwölften Tag des achten Monats des
eintausendneunhundertundachtunddreißigsten
Jahres erblickte Fritz im wunderschönen Erzgebirge das Licht des Planeten Erde.

Es ist Freitag, der 224. Tag des Jahres, und am Himmel zeigte sich der Mond als abneh-mende Sichel.
Die Astronomen meinen, daß er ein Löwe ist.
Löwen sind gesellige Menschen, die imponierend auftreten und wissen, daß der Löwe der König der Tiere ist. Nach dem Chinesischen Horoskop ist er ein Tiger. Tiger sind hitzig und aufbegehrend, steht's zum Kampf bereit, tollkühn und verwegen.
Den Brief, der von seiner Geburt berichtete, beförderte die Post innerhalb Deutschlands für 12 Reichspfennig.
Die Zivilluftfahrt meldet die Aufnahme des Passagierdienstes zwischen England und Australien. Die Lufthansa setzt ihr Großverkehrsflugzeug auf einem Non-Stop-Flug Ber-lin-Kairo ein.
Hitler veranstaltete während des Staatsbesuches des ungarischen Admirals Nikolaus Horthy zu Ehren des Gastes eine Flottenparade mit 114 Kriegsschiffen auf der Kieler Förde.
Nach Geburt von Fritz wird die Schlagzeile erscheinen: "Nach dem Berufsverbot gegen die jüdischen Ärzte folgt nun auch Berufsverbot für die jüdischen Rechtsanwälte".
Ein besonderes Ereignis beleuchtete des Zeitgeschehen 1938: Der Reichskriegsminister Generalfeldmarschall Werner Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres, General-oberst Werner Freiherr von Fritsch, werden von Adolf Hitler abgesetzt.
Die Haarpracht der Damen wird immer länger. Die Haare werden im Nacken hochgenom-men und auf dem Kopf zu einer Lockenkrone gesteckt. Das langbeinige Schönheitsideal wird nicht nur mit Hilfe der aufgesteckten Frisur, sondern auch durch die immer höheren Schuhabsätze unterstrichen.
Ein Einfamilienhaus, das am Tag der Geburt 39.378 RM kostet, wird 54 Jahre später 500.000 DM wert sein.
Ein Durchschnittsarbeitnehmer verdient 211 RM. Er wird im Jahre 1993 4.105 DM Ar-beitsentgelt erhalten; oder auch nicht.
Der Diesel - PKW, Typ 260 D, von Mercedes Benz wird immer beliebter. Bei 94 km/h verbraucht er nur 11 l Diesel und kostet 6.800 RM. 54 Jahre später wird Mercedes als preiswertesten PKW einen 1,8 - Liter Wagen für 35.169 DM incl. MwSt. anbieten. Mit 109 PS /80 KW) fährt er 185 km/h schnell.

Wie Fritz wurden an einem 12. August u.a. 1930 Peter Weck, österreichischer Schauspie-ler und 1762 Georg IV. August Friedrich, englischer König geboren.

Fritz begann ein unruhiges Wanderleben.
Um das Licht auf unserem schönen Planeten Erde zu erblicken fuhr seine Mutter 1000 km von der Saar ins Erzgebirge. Dort besaßen die Großeltern ein Kino. Wahrscheinlich we-gen der vertrauten Umgebung und der Geborgenheit wurde Fritz in Eppendorf geboren. Nach wenigen Wochen ging es mit dem Auto des Großvaters wieder an die Saar nach Mettlach.
Bis 1945 ist es auch recht turbulent zugegangen. Seinen ersten Geburtstag feierte er in Merzig-Brotdorf. 1941 war er in Bingen und soll dort im Rheinbad schon mit Hilfe seines Vaters geschwommen sein. Das ist wohl auch das Letzte, was er mit seinem Vater erleben durfte. Nur ein verblichenes Foto erinnert ihn heute an dieses Ereignis. Der Vater sollte bis zur Stunde Null aus dem Gedächtnis von Fritz entfernt werden. Daß dies nicht ganz so war, ist eine andere Geschichte. Eins weiß Fritz aber noch. Der Rhein war zugefroren! Die Fährschiffer hatten einen Weg über das Eis geebnet, und man mußte über den Rhein laufen. Warum, das weiß Fritz heute nicht mehr, aber er mußte über den Rhein. Mutti hat-te ihm 10 Pfennig mitgegeben, und das reichte, um nach Rüdesheim und zurück trockenen Fußes über den Rhein zu laufen, auf die eine Seite und wieder auf die andere Seite.
Nun hatte Fritz damals schon eine Schwäche. Er aß für sein leben Gern Lakritze, an der Stange, das Stück für 5 Pfennige. Die 10 Pfennige wurden also gut in Lakritze angelegt und auf unebenem Weg ging es über den Rhein. Dabei gab es viele blauen Flecke und zer-rissene Hosen.
Dann ist immer noch der Name Lorch im Kopf und ein sehr schöner Märchenhain. Beides hat Fritz nach der Stunde Null durch Zufall ein Stück nördlich, also Rhein abwärts gefun-den. Auch da ging es vom Ort Lorch zum Märchenhain über den Rhein rüber und 'nüber.

Mutti war am Westwall. In dieser Zeit war Fritz im Nachbarhaus bei Onkel und Tante Saveoli und bei Frau Mulle. Auch hier ging es wieder rüber und 'nüber, von einem Haus in das andere. Da waren auch noch zwei Mädchen im Haus. Uta und Charlotte waren tolle Spielkameraden. Die Spiele waren oft realistisch. Im Kindermund hört sich das so an;

Vater und Mutter spielen
Moritz sagt zu Lieschen: "Komm, wir spielen Vater und Mutter!" "Ach - schon wieder streiten?"

Bei Fritz ging es etwas anders zu. Charlotte war ein Jahr älter und spielte die Mutter. Uta war ein Jahr jünger und war das Kind. Fritz war der Vater; und da geschah es wie aus heiterem Himmel. Charlotte hob eine Spielzeugschippe und schlug diese Fritz auf den Kopf mit den Worten: " - und Vater ist im Krieg und tot". Es tat weh. Frau Mulle, als ausgebildete Krankenschwester, half, und Fritz war mit dem Schrecken und einer großen Beule davongekommen. Es waren schon seltsame Spiele, die da gespielt wurden. Wer konnte am schnellsten zählen, wenn die großen ausgerichteten Dreiecke am Himmel flo-gen. Diese Dreiecke setzten sich aus vielen Flugzeugen zusammen, die gemächlich und mit Gebrumm dahineilten.

Ostern 1944 gab es eine schöne Zuckertüte. Mutti hatte sich viel Mühe gegeben. Aus ein-getauschtem Zucker und Fett wurden im Tiegel Bonbons gemacht. Weiße Kniestrümpfe, kurze schwarze Hosen und was noch alles so sein mußte, waren wohl auch in der Zucker-tüte. Die Schule begann, aber nur für wenige Tage, denn da ging es wieder auf die große Reise ins Erzgebirge. Hier ging es in eine neue Schule, und Mutter erlernte einen Beruf. Beim Großvater von Fritz erlernte sie den Beruf eines Filmvorführers. Das sollte wohl so ein Jahr dauern, und da kam der 8. Mai 1945 dazwischen. Auch so eine Stunde Null.
Aber weiter zum hin und her. Mutti versuchte es noch zweimal mit Fritz an der Hand. An einer Grenze wurde gewartet und gewartet, um wieder an die Saarschleife in das eigene Haus zu kommen. Einmal war eine große Brücke vor ihnen und etwas später, die Grenze durch Deutschland war wohl verschoben worden, saßen sie auf einer großen Wiese. Viele Menschen saßen mit viel Gepäck auf dieser Wiese.
Fritz hatte Hunger und Mutti war gerade nicht zu sehen. Hinter einem Zaun bemerkte Fritz Beeren und er fand ein Loch im Zaun. Da waren aber noch mehr Beerensträucher an einem Weg. Der war lang und auf einmal wußte Fritz nicht mehr, ob es nach rechts oder nach links weitergeht. Da kam ein Mann, und der brachte Fritz zu einem Soldaten in ei-ner schicken Uniform. Dieser wiederum brachte Fritz zu einer Schwester mit einer großen Haube. Die beiden liefen mit Fritz eine lange, leere Straße entlang. Rechts und links wa-ren nur Felder. Am Ende der Straße war ein Balken über der Straße mit roter und weißer Farbe angemalt. Dahinter befanden sich sehr viele Menschen, und da sah Fritz die Mutti. Sie waren beide froh, sich gefunden zu haben. Fritz wurde über den Schlagbaum gehoben und - er war wieder drüben, oder hüben oder wo? Es ging wieder zurück. Später hörte Fritz, wie Mutti sagte, ihr Zuhause wäre jetzt in Frankreich.
Das hin und her durfte erst nach der Stunde Null weitergehen. War Fritz ein Deutscher oder ..., oder ein Franzose? Bestimmt aber ein Europäer!

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002 - . Brüderchen...


Brüderchen, komm tanz mit mir...

Schön, schön - schön war die Zeit - Quatsch mit Sauce, die Zeit ist schön und hält immer wieder etwas Angenehmes - Überraschendes bereit.

Auch, wenn in diesem Fall das Wunder meinem leiblichen Vater geschuldet ist, aber jetzt muss es heißen, unserem leiblichen Vater.

Einer allein kann ja auch gar nicht so durch die Welt laufen, wie ich, und siehe da, es findet sich ein zweiter. In diesem Fall - Brüderchen Hans.

Dank unserem Vater und noch mehr Dank unseren Müttern, die 1937/38 und 1944/45 solch prächtige Buben gemacht haben. Tausend Dank vor allem unseren Frauen, ohne die wir nicht das wären, was wir sind.

Die Welt ist schön, so wie sie geschaffen wurde, und ich bin erneut dankbar; auch wenn derzeit wieder einmal alles gegen die Schönheit in der Welt spricht. Beim Wetter sind wir uns fast einig. Es gibt gar kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlecht angezogene Menschen. Ich sage: es gäbe gar keine schlechte Welt, wenn wir alle sie nur schön machten. Mit schön meine ich nicht bequem, wie im Schlaraffenland, nur einfach gesund, natürlich und damit liebenswert für jedermann, der sie so sehen will und sich darin gut fühlt. Die anderen sind eigentlich nur zu bedauern. Die Welt wird schöner, das ist für mich so sicher, wie das ... Ozonloch! Ein Widerspruch? nein, gerade darin verbirgt sich die Lösung.

Dies sind die ersten Gedanken, nach der Begegnung mit meinem Bruder nach einer viel zu langen Zeit, in der das Lied von den "Königskindern" in vielerlei Hinsicht gesungen werden konnte. Die Zukunft wird es zeigen, ob etwas Liebe und etwas Zuwendung die Bruderliebe auf lange Zeit erhalten kann. Möge unser Zusammentreffen uns vor allem Kraft und Ruhe geben, die wir dann denen weitergeben, die es gern annehmen und wir uns alle gemeinsam freuen können.



Bei mir klingt es heute nach Mendelssohn und mit Heine:

Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute.
Klinge kleines Frühlingslied, kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus bis an das Haus, wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust, sag, ich lass sie grüßen.

Ich wünsche mir:

Wahre Freundschaft soll nicht wanken, wenn sie gleich entfernet ist,
lebet fort noch in Gedanken und der Treue nie vergisst.


Marta würde wohl singen aus der Oper Hänsel und Gretel:

Brüderchen komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir: ...

und:
Jetzt kommen die lustigen Tage, ...


dem füge ich allerdings recht ungern hinzu, leider kommen auch andere; wollen wir nur immer das Beste daraus machen.

Bestimmt wird die Zukunft uns Zeit und Muse geben, um mit etwas Abstand möglichst viele Resonanzen und Harmonien zu entdecken und das Beste daraus zu machen.


Was war es nun, das Fritz wiederum auf die Spuren seinen Vaters brachte? Zuerst eine ganz natürliche Neugierde. Halt, neugierig sind ja bekanntlich nur die Frauen, bei uns Männern ist es immer nur der Wissensdurst. Dann war da die frühere Anklage, Fritz wolle ja nur in den Westen. Er hatte damals spontan darauf geantwortet:

(..., dass der Mann, welcher diese Behauptung machte - möglicherweise auch gar nichts anders machen konnte, da er nun mal so geprägt war ...),

"Ich kann mir aber vorstellen, dass mein Vater auch meine Hilfe brauchen könnte. Wissen sie, ob er krank, gebrechlich, hilfsbedürftig, arm oder verstoßen und missverstanden ist? Ich könnte ihm womöglich helfen oder auch nur eine Stütze sein!"

Seit diesem spontanen Ausspruch hatte man Fritz scheinbar in Ruhe gelassen. Jetzt war aber ein Bruder da und Fritz überfiel wieder dieser Wissensdurst. Fritz wird eine Jahresleiter zu jeweils 12 Monaten aufstellen und alles, was er über seinen Vater erfährt, darin einordnen. Am Ende will Fritz etwas klarer sehen. Wann das einmal sein wird, kann man heute nicht sagen.

Aber nun zu Vaters Spuren. Vater hatte eine Freundin, eine gute Freundin in Bingen, denn sonst wäre da ja nicht ein Bruder. Also auf nach Bingen und nach Vaters Fußspuren sehen.

Da kamen am Anfang gleich wieder Zweifel auf. Waren da doch in der Vergangenheit so viele negative Erfahrungen von Fritz gemacht worden. Diesmal war alles anders. Aus anfänglicher Skepsis wurde gegenseitige Zuneigung und Freude auf allen Seite. So ist es richtig, denkt Fritz, die Welt soll sich freuen und Fritz will, dass sich alle mit ihm freuen. Diesmal scheint es so gekommen zu sein. Hans, sein Bruder, soll anfangs recht skeptisch geschaut haben, als er folgenden Brief in den Händen hielt:






Eppendorf/Erzgebirge, ...


Sehr geehrter Herr Koch,

Mit diesen Zeilen hoffe ich, eine Freundschaft ins Leben zu rufen, welche mir viel bedeuten würde.

Es war schon seltsam, dass ich vor etlichen Jahren auf eine Cousine gestoßen bin. Gerda Mark, geb. Müller ließ mich vor kurzem wissen, dass Sie Herr Koch und ich eng verwandt sein sollen. Ich glaube einfach daran, dass dies so ist und für mich ein Anlass, zu Beginn das "DU" anzubieten. Wenn ich richtig vermute, so sollte ich einige "Monate" älter sein.

Also noch mal von vorn:

Lieber Hans,


Fritz, mit Familiennamen Ludvin, grüßt Dich herzlichst. Wenn ich es von Gerda richtig verstanden habe, so haben wir einen gemeinsamen Vater. Mein Vater ist:

Herr Fritz Ludvin, geboren am 06. August 1910, wahrscheinlich in Schleiz.

Meine Mutter ist seit längerem verstorben, und von meinem, bzw., unserem Vater weiß ich wenig.

Wenn dies stimmt, was Gerda mir mitteilte, dann sind wir ja väterlicherseits "Brüder".

Ich hoffe, es stimmt, und es würde mich überaus freuen, wenn Du auch Interesse an einem gegenseitiges Kennen lernen hättest. Meine Frau und ich, wir würden uns sehr freuen.


Da ich meinen Vater kaum kenne, - nicht weiß, ob er groß oder klein, dick oder dünn war, so freue ich mich besonders darauf, einen leiblichen Bruder zu haben; und ich habe den Wunsch, Dich zu sehen. Wenn Du auch daran interessiert bist, dann sollte dem nichts im Wege stehen - so denke ich.




Wo wir uns treffen, ist mir gleich. Wir laden Dich und Deine Familie ganz herzlich in unser Erzgebirge ein. Im Haus ist genügend Platz. Wir kommen auch gern zu Euch, es kann aber auch an einem andern Ort sein. Auf jeden Fall freuen wir uns auf ein Zusammentreffen.

Soviel für heute.

Meine Frau Marta und ich, wir schicken liebe Grüße an den Rhein. Auch herzliche Grüße unbekannterweise an Deine Familie.

Wir würden uns sehr freuen, wenn ein Zusammentreffen möglich wäre.

Dein Bruder väterlicherseits, Fritz
...

Hans ging mit diesem Brief zu seiner Mutter - und die bestätigte es, zugegeben auch mit etwas Zittern im Herzen. Hans hatte seinen richtigen Vater auch nicht gekannt. Natürlich reagierte er, genau wie Fritz vor vielen Jahren; " Was soll denn das, ein Witz, wenn es wahr ist, dann ist es der Erzeuger und was soll das"! Da war aber - wie bei Fritz - der Wissensdurst - und eben ein Brüderlein im schönen Erzgebirge. Seine Mutter gestand ihm alles und der Familienzusammenführung stand nichts mehr im Wege.

Das erste Abtasten auf neutralem Boden war gut verlaufen und nun kam das erste Kennen lernen. Leider nur sehr kurz, aber das wiederum findet Fritz gar nicht so schlimm. Er wollte ja erst einmal auf Vaters Spuren laufen. und das tat er, gemeinsam mit seiner Frau und Lore, der lieben Freundin seines Vaters.

Der erste Abendspaziergang am Vater Rhein war eine erste Tuchfühlung, ein erstes Herantasten - und die Ruhe tat gut.

Am kommenden Tag machte die Großfamilie, also Fritz und Marta, Freundin Lore, Hans und dessen liebe Frau Ina, Mainz unsicher. Diese Stadt verdient es, in Ruhe studiert zu werden. Es war eine schöne Einführung die vor allem Hans gab. Ein vorzügliches Mittagessen in historischer Umgebung rundete den Vormittag ab. Der Nachmittag verlief recht harmonisch bei Kaffe und Kuchen. Am Abend wurden noch die Kinder von Brüderchen Hans neugierig und es ist zu hoffen, dass diese Neugier noch recht lange anhält, und uns allen noch viele gemeinsame und schöne Stunden verleben lässt. Neue Horizonte könnten sich auftun.

Bingen wurde am nächsten Tag zu einer wahren Fundgrube.
Fritz hatte sich früher erinnert, dass er 1941/42 trockenen Fußes über den Rhein gegangen war. Nun war es Freitag, der 28. März 1997. Lore, seine Frau Marta und Fritz erkundeten Bingen. Fritz war etwas aufgezogen, wie sollte er auch anders seine Nervosität verbergen. Es gelang ihm so einigermaßen, und erwartungsvoll begann der Tag mit einem guten Frühstück. In Bingen fand das Auto mit Lores Hilfe fast von allein zur Burg Klopp; und nun ging es zu Fuß auf Erkundung. Fritz war es egal wohin. Er war ja schon überall einmal gewesen und nun hoffte er, dass sich in Ihm irgendwo, irgendwann etwas regte. Das Wetter war sehr windig und der Komet Hale-Bopp mit seinem schönen Schweif, den er am Vorabend so Gedankenversunken betrachtet hatte, als er in Kempten einen Abendspaziergang am Rhein machte, war bestimmt ein gutes Omen. Bingen, eine Stadt mit viel Reiz, tat sich ihm auf. Goethe war hier und Fritz spürte, dass Goethe schon einmal seinen Weg gekreuzt hatte. Er liebte Schiller mehr als Goethe, schon wegen dessen revolutionären Ideen, die bei Fritz gleich nach denen von
Dr. M. Luther kamen. Aber Goethe war früher auch schon immer dabei, Fritz spürte es ganz deutlich. Etwas seltsam war es doch, als er die Burgmauern erblickte, und sich nicht so recht zu erinnern vermag, und doch wusste, dass er schon einmal hier gegangen war. Er lief recht ziellos umher. Alles war so schön. Der Blick auf das "Binger Loch" mit dem Zusammenfluss von Nahe und Rhein mit dem Mäuseturm. Als er etwas später im Bergfried stand und wieder hinüber zur Burg Ehrenfels blickte, spannte sich ein Regenbogen - nicht wie gewohnt am Himmel, sondern - zwischen dem Rhein-Nahe-Eck und der Burg Ehrenfels. Eine grandiose Erscheinung, und alle waren erstaunt. Fritz aber war auch etwas andächtig geworden; natürlich eine Wetter Erscheinung, ein Zufall, wie der Komet am gestrigen Abend, aber eben doch zum richtigen Zeitpunkt für Fritz.

Jetzt sah er über Bingen hinweg, betrachtete den Mäuseturm und als er hinter die Burg lief, dorthin, wo sie zum Rhein hinab sieht, da rief Fritz schnell seine Frau und sagte, hier stand ich früher in einer eigentümlichen Situation. Zu dieser Behauptung hatte ihm die Erinnerung an ein altes Foto verholfen. Dieses zeigte Fritz auf diesen Burgabsatz. Die eigentümliche Situation war, dass Fritz eine viel zu große Uniform und Stiefel, die ihm bis zum Po reichten, trug. Wahrscheinlich war die heutige Burg nach 1938, dem Geburtsjahr von Fritz, einmal vom Arbeitsdienst besucht worden, denn seit 1897 diente sie als Stadtverwaltung, und Fritz wurde hier derart stolz dekoriert. Nun reihten sich Ereignisse an Ereignisse, die Fritz immer wieder in seine Kindheit zurückversetzten. Auf der anderen Seite der Burg war eine kleine Treppe zu einer Aussicht. Als er oben stand, waren da zwei kleine Tritte, so abgenutzt, wie die waren, da musste er ja schon darauf gestanden haben. Welcher kleine Bub hätte sich da nicht darauf gestellt.

Nun ging es in den Bergfried. Dieser Turm ist recht schön, von innen als auch von außen; und vor allem auf dessen Dach. Da stand nun Fritz, nachdem er sich vom Keller bis auf dieses Dach auf Erkundung gemacht hatte. Alles war so schön alt und die letzten Stufen bis zum Ausstieg auf das Dach müssten fast so alt sein wie Fritz, denn die Farbe an der Wand des ziemlich engen Aufstieges möchte wohl so an die knapp 60 Jahre auf dem Buckel haben. Nun stand er auf dem Dach und saugte die Landschaft in sich auf. Herrlich, trotz des starken Windes. Gerade er machte, dass Fritz sich wie ein Bezwinger vorkam. Auf einmal stand ein kleiner Bub neben ihm. Fritz schaut - und ist überrascht. So alt sollte er damals gewesen sein. Er fragt, und der Bub antwortete etwas verwundert, dass er schon 10 Jahre alt sei. Fritz ist trotzdem weiter überrascht. Er steigt langsam wieder hinab und beginnt nun erst, alles etwas genauer zu betrachten. Zuerst war er nur so ziellos umher gerannt. Da waren so viele interessante Dinge, die nun wiederum Fritz fesselten.

Im Keller, oder im Turmverlies, egal was es nun einmal war, sehen einen die Knochen, Grabsteine und andere Dinge aus vorchristlicher Zeit an. Es scheint, als ob Heinrich der IV. heimlich aus einer Ecke schaut. Etwas für Kenner und Fritz ist schnell wieder oben. Da stehen schöne Renaissance Möbel, Bilddokumente, Steinschlossgewehre und ein altes Foltergerät. Das chirurgische Instrumentarium eines römischen Arztes sollte an so einem Tag gar nicht richtig gewürdigt werden, aber Fritz kommt wieder, das weiß er genau.
Als Fritz von Dach des Burgfriedes nun doch recht bedächtig und mit Interesse herabsteigt, sieht er den Turmwart. Das ist der, welcher heute den Eintritt kassiert. Fritz sieht sich den Mann an und kommt gleich mit ihm ins Gespräch. Er ist zu Beginn wortkarg, macht aber einen recht vertrauten Eindruck. Ja, er ist ein alter Bingener und da hält es Fritz nicht mehr.

Natürlich war 1941/42 der Rhein zugefroren und die Straße über den Rhein hatte es wirklich gegeben, bestätigte er. Die Fährleute hatten sie natürlich auf Anraten der Stadt angelegt, aber die kleine Einnahme für den Übergang war bestimmt auch nicht zu verachten gewesen. Es war das Zehnpfennigstück, welche Fritz sich aufgespart hatte.

Er wurde damals von der Mutter nach Rüdesheim geschickt und er hatte die 10 Pfennige in Stab-Lakritze angelegt, und da er dadurch nicht auf dem Weg gehen durfte, er hatte ja das Wegegeld aufgegessen, so kam er mit zerschundenen Knien und zerrissenen Hosen nach Hause. Bingen ist nicht groß, und trotzdem musste Fritz in der Nähe der Fähre gewohnt haben, denn sonst hätte ihn Mutter doch nicht allein weggelassen. Es wird sich später zeigen, saß es wirklich so war.

Der Turmwart sagte dies und das aus der alten Zeit. Er kannte auch noch die beiden Kasernen des Arbeitsdienstes und bestätigte, dass unter der alten Kaserne ein Spielplatz gelegen habe. Fritz konnte sich nämlich an einen Balancierbalken erinnern. Es fügte sich alles langsam zusammen. Der Turmwart fragte Fritz nach dem Namen seinen Vaters. Er kannte ihn nicht. Aber er kannte einen anderen Namen. Fritz hatte immer einen Namen im Ohr, wo er in Bingen gewohnt haben sollte. Familie Lorch. Er hatte aber die Hoffnung aufgegeben, da er vor einigen Jahren merkte, dass dies der Name eines Ortes am Rhein war. Jetzt bestätigte der Turmwart, dass in einer Straße, parallel zum Rhein, zur damaligen Zeit eine Familie Lorch gewohnt hat. Fritz erfasste eine innere Unruhe. Der Turmwart musste sich etwas wundern. Während er das eine und das andere erzählte, schaute Fritz etwas abwesend zum Fenster hinaus.

Dass der Burggraben noch Interessantes birgt und der Brunnen auf der Burg so 400 nach Christi gegraben wurde, 52 m tief ist und möglicherweise einen unterirdischen Gang noch nicht freigegeben hat, das hat Fritz nicht mehr so richtig gehört. Was heißt nicht richtig gehört. Er hörte alles, nur war er in Gedanken bei seiner Wohnung. Da war ein Hinterhof, so in grün, vor allem dunkel, da goss ein Mädchen Blumen und so zum Schabernack dem Fritz das Wasser auf den Kopf. Da war eine einzelne Stube, die Fenster zu ebener Erde, und die Leute gingen immer direkt am Fenster vorbei. Da sagte Mutter, wenn es auf Reisen ging. Mach schnell Fritz, stehe endlich auf, ich kann den Zug schon hören. Das zog, und Fritz sprang aus dem Bett, oder war es nur das große Sofa an der Wand? Fritz schlief fest und Mutti hatte ihm eingeschärft, dass er es ja nicht verschlafen dürfte. Morgen früh soll die Reise wieder etwas länger werden; zur Oma und da muss man früh aufstehen und darf den Zug nicht verpassen. Klopf mit der großen Fußzehe sooft an das Bett, wann du aufwachen willst, und du wirst sehen, dass es klappt. Wahrscheinlich hatten wir keinen Wecker. Fritz weiß es nicht mehr. Er hatte auch tüchtig mit der großen Fußzehe an das Bett geklopft und schlief. Ihm träumte, dass er auf der Loreley stand, nein er saß auf dem Geländer und unten fuhr dieser wichtige Zug ab. Mutti hatte es doch gar so wichtig gemacht und nun hatte es Fritz doch verpasst. Er saß auf diesem Geländer und sah, wie der Zug sich in Bewegung setzte, wie dicke Rauchwolken aus der Lokomotive stiegen und er immer schneller wurde. Da fuhr der Zug und da war ja auch die Mutter darin, niemand hielt ihn mehr fest, was die Mutter doch immer tat wenn er, wie so oft, auf einem Geländer saß und diesmal so hoch oben auf der Loreley! Fritz konnte nicht anders, er musste zu diesem Zug und in seiner Verzweiflung sprang er hinunter zu diesem Zug.

Es tat nur etwas weh, und als der die Augen öffnete ging soeben das Licht an und Mutter sah, wie Fritz neben dem Bett lag. Komisch, es war aber wirklich Zeit zum Aufstehen, sagte die Mutter, und die Reise ins Erzgebirge zu Oma und Opa konnte rechtzeitig beginnen.

Fritz hörte noch viel, was der alte Turmwärter sagte:

Die heilige Hildegard von Bingen, wieder so etwas Komisches, nicht nur, dass sein Vater namensgleich mit Vor und Zunahme war und dieser an den heiligen Ludvin erinnerte, hieß doch seine Mutter Hildegard. Aber diese heilige Hildegard von Bingen, diese
Äbtissin, Mystikerin, war Naturwissenschaftlerin, Predigerin und Kirchenpolitikerin ist, wie die Mutter von Fritz, keine Schweigerin. Da ist der Mäuseturm, in dem der herrschsüchtige und geizige Bischof Hatto aus Mainz von Mäusen aufgefressen worden ist. Da ist das Wahrzeichen, das Wirtshaus "Zum Schiffchen", und bei einem Wirtshaus soll Fritz gewohnt haben. Die Basilika St. Martin, Fritz will auch in Zukunft noch etwas entdecken und lässt es an seinem Ohr vorbeigehen. Die Kapuzinerkirche, auch sie muss warten, denkt Fritz. Der alte Kran, ja und da war doch ein Zollhaus, alles so schön alt, an dieser Stelle hört Fritz wieder aufmerksam zu. Er erinnert sich, da war so ein langer Arm und alles so schön alt. Und die schöne Rochus Kapelle, Sie wird Fritz noch zu Gesicht bekommen. Die Drusebrücke. Es ist die zweite Brücke über die Nahe und Fritz hat schon von ihr geschwärmt. Da war doch etwas mit dieser Brücke. Leider konnte Lore Fritz da nicht ganz zustimmen aber jetzt hörte er es noch mal. Da war wirklich eine Brückenkapelle in einem Brückenpfeiler, die sogar vergrößert wurde.

Der Turmwart hatte geendet und Fritz riss sich von seinen Gedanken los.

Fritz wünschte dem Burgwart zwar schöne Ostern und lange Gesundheit, und alles Gute, verließ ihn aber doch etwas zu schnell.

Gleich zu Fuß und schnell sollte es gehen. Da brachte ihn Lore recht schnell wieder zur Besinnung. Erst ein Stück mit dem Auto und schön langsam...!

Zuerst zur neuen Kaserne, da war nichts mehr aus der alten Zeit zu sehen. Am Rhein-Nahe-Eck war alles in Stein gefasst. Wenn Fritz als Bub hier stand, zierte ein kleiner Zaun aus Birkenstämmen diese Ecke so schön.

Und dann ging es doch diese Straße entlang. Fritz ging vornweg und stand vor dem Haus mit dem Hinterhof. Der war gar nicht dunkelgrün sondern hell und in gelb gehalten, aber die Fenster zur Straße waren zu ebener Erde, die Eingangstür zugemauert, oder war es das Nebenhaus? Ja, in dieser Straße war es - und da hörte er auch diesen Zug, nur fuhr er heute schneller und keuchte nicht so wie damals.
Das Goethehaus weckte so manche Erinnerung in Fritz. Hier hatten Lorschs gewohnt hatte der Turmwärter gesagt. Nun spazierten sie weiter und kamen an diese alte Kaserne. Da sah es Fritz, das große Eingangstor - und wo war der Spielgarten?

Jetzt war es aber höchste Zeit zum Mittagessen, und bei Lore wartete ein leckeres Mal. Auch merkte Fritz, dass der Vormittag doch recht in die Beine gegangen war und so wurde der Nachmittag mit dem Auto verbracht. Die Fahrt nach Bad Kreuznach wurde im Spaziertempo zurückgelegt, natürlich über die Drusebrücke mit der Kapelle in einem der Pfeiler; und die schönen Salinen erweckten wieder alte Erinnerungen.
Am Abend ließen alle ihre Gedanken baumeln und Fritz zeigte Videos aus der unmittelbaren Vergangenheit, aus dem Erzgebirge.

Der kommende Tag begann mit einem Bummel - wieder am Rhein in Bingen. Diesmal in eine andere Richtung. Und da war es klar: nicht nur, dass nun der Spielplatz vor den Augen von Fritz auftauchte und dahinter das große Tor der alten Kaserne zu Fritz herüberschaute. Fritz wusste - hier wird er gern wieder herkommen.

Mit den Rädern einmal entlang der Nahe und des Rheines und dann am Abend ein Tänzchen auf einem der schmucken Fahrgastschiffe, ergänzte Marta mit leuchtenden Augen.

Und der Duft der Weinberge! Fritz hatte solch einen Duft an der Elbe erfahren und dort immer gesagt, so sei es auch am Rhein gewesen. Nun will er ihn auch tüchtig einatmen. Schon am Nachmittag folgte ein schöner Spaziergang auf den Rochusberg, und da lagen sie, die herrlichen Weingärten. Natürlich noch in ihrer eingeschlagen Art, noch nicht richtig aus dem Winterschlaf erwacht, aber Fritz glaubte, schon die ersten Regungen im Weinstock zu verspüren. Auf dem Berg genossen alle die herrliche Aussicht und erfreuten sich an der weithin sichtbaren schönen Wallfahrtskapelle.

Am Abend ging nicht nur dieser schöne Tag zu Ende, sondern auch diese Wiedergeburt. Im Vater Rhein ging die Sonne unter, und da sah ihn Fritz, den Nibelungenschatz. Als wolle er aus dem Rhein aufsteigen, so markierte die Sonne das Rheinufer, das dunkle Gold der Kelche und Rüstungen der Nibelungen; und Fritz glaubt an den Rheinschatz. Nur denkt er anders, als all die, welche sich da schon Gedanken gemacht haben. Er schätzt den Tronjer, wie Hagen Tronje genannt wurde, als einen Mann ein, der von derber Art war, so wie die Hermundoren aus den Bergen des Miriquidi. Als Zweitgeborener wird er sich einem Tross von Etzel angeschlossen haben und durch seine Kraft und Größe ein anerkannter Wächter geworden sein. Er schützte nicht nur seinen Herrn, sondern auch das Reich, und er wird mit bäuerlicher Schlaue nicht die tiefste Stelle im Rhein genommen haben, als er den Schatz versteckte, im Gegenteil, eine breite Stelle, die gut zugänglich war und wo man mit wenigen Knappen den Rhein anhalten und die Gruft mit einer Platte und/oder einem Stein gut verschließen konnte. Dann wird der Rhein diese verwerfliche, oder doch gute Tat, je nach Betrachtungsweise, wieder bis zum heutigen Tag unsichtbar gemacht haben, und die Knappen werden bestimmt den nächsten Feldzug nicht überlebt haben - wie ich mir den Tronjer vorstelle. Mit diesen Gedanken zum Schatz der Nibelungen im Rhein ging eine schöne Suche auf Vaters Spuren zu Ende und wird - so ist zu erwarten - neue Anfänge, neue Maßstäbe setzen.




F.W. 3/1997






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