Storys von Fritz. / stories from Fritz /


Es schreibt sich so zusammen - über Fritz, seine Heimat, aus ganz alten Zeiten und Fritz wagt einige Gedanken in die Zukunft.


70 Jahre teils heiter teils wolkig.

Das Rätsel um das Ei ---
Fortsetzung folgt!
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Letzte Änderung am 11.12.2009

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"70 Jahre teils heiter, teils wolkig, aber meist niederschlagsfrei"



Das Rätsel um das Ei ---





Das Rätsel um das Ei ...

(Hier überspitzt, aber doch fast alltäglich im östlichen Teil von Deutschland vor 1989.)

… nicht des Kolumbus. Das Rätsel muss jeder selber lösen. Da war einmal ein großer Häuptling - Herr "H". Als Schulbub hatte Fritz ein schlechtes Namensgedächtnis. Diesen Namen vergaß er immer wieder und in der Schule wurde er oft von den Lehrern danach gefragt. Nun hatte ihm sein Großvater etwas sehr nützliches beigebracht. Wenn man sich etwas schlecht merken kann, so muss man sich eine "Eselsbrücke" bauen, meinte der Großvater. Als Fritz in der Schule saß und dem Unterricht nicht folgte, kam ihm eine glänzende Idee von einer "Eselsbrücke", um immer an diesen Namen erinnert zu werden. In seiner Schulmappe steckte ein Kinderausweis. Auf der ersten Seite war ein Bild von diesem Herrn zu sehen. Er hatte eine hohe Stirn. Wirklich nur als "Eselsbrücke" malte Fritz nun zwei Hörner auf das Bild. Fortan hatte er diesen Namen nicht mehr vergessen. Da kam ein Wanderer des Weges und sagte ihm, das sei ein schlechter Startschuss gewesen, denn just in dem Moment, als er so schön malte erwische ihn der Direktor.

Aber nun zum Ei! Die Bäuerin brachte es aus dem Stall in die Küche und legte es sorgfältig zu dem Ei, welches die Henne am Vortag gelegt hatte. Nun waren es zwei Eier. Es war nicht die Art der Bäuerin, zwei Eier in der Küche liegen zu lassen. Nach der täglichen Besichtigung der Legeergebnisse brachte sie das Ei immer in den Korb, der für die Aufkaufgenossenschaft vorgesehen war. Diesmal war es anders. Heute wollte die Bäuerin beide Eier selbst für einen Geburtstagskuchen verbacken.
Der Großvater von Fritz war kein studierter Mann. Er war Gastwirt und später Kinobesitzer. Er hatte Fritz gelehrt: "Was du geschaffen hast und nicht sofort wieder aufisst, dass ist Reichtum!" Die Bäuerin hätte sehr reich sein müssen, sie aß die wenigsten Eier, aber reich war sie nicht. Mit dem Ei hat es aber eine andere Bewandtnis.

Heute lagen die beiden Eier in der Küche, wo in der Regel ein Ei lag. Der Chef des Dorfes kam täglich vorbei und fragte: "Wie viel Eier hat deine Henne heute gelegt?" Es war ihm selbst fast peinlich. Aber es war Vorschrift, den Plan täglich zu kontrollieren und in diesem Plan stand schwarz auf weiß: "Zwei Eier pro Henne pro Tag. Sollte sich die Anzahl der Hühner erhöhen, so erhöht sich proportional der Plan!" Sonst war es üblich, dass der Plan jährlich um ca. 5% erhöht wurde. Der arme Mann, dieser Chef. Er hatte es wirklich nicht leicht. Immer hörte er, wie die Bäuerin fast schüchtern, ängstlich, zurückhaltend, etwas zitternd aber immer wahrheitsgemäß antwortete: "Das Huhn habe ein Ei gelegt." So war es auch am heutigen Tag. Der Chef kam. Er hatte in seiner großen Spezialschule gelernt "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!" Er öffnete die Küchentür, grüßte freundlich aber etwas streng, wie das ein Chef so an sich haben musste, da erblickte er zwei Eier. Fein säuberlich lagen sie nebeneinander. Die Bäuerin kam gerade aus dem Stall. Wie üblich, rieb sie sich die Hände an der Schürze ab, und gerade wollte sie die Lippen öffnen, um den Gruß zu erwidern und das Tagesergebnis zu melden, da klopfte der Chef ihr auf die Schultern und ließ sie einfach nicht mehr zu Wort kommen. Was ging ihm in diesem Moment so alles durch seinen Kopf. Gerade heute hatte er eine tüchtige Standpauke vom Bezirk über sich ergehen lassen müssen. Im Hinausgehen sagte er lachend: "Zum 1. Mai bekommen sie eine Auszeichnung." Er hat wirklich nicht geflunkert. Am 1. Mai wurde die Bäuerin Aktivist und bekam 200 Mark. Der Chef stürmte in sein großes Haus auf dem Marktplatz. Zuerst die Meldung in den Bezirk, dann den Fotograf sofort kommen lassen. Das Ergebnis musste dokumentiert werden. Er meldete "Zwei Eier pro Henne und pro Tag!"

Im Kreis war man sichtlich erfreut. Das war der erste Tag der Planerfüllung. 100,1% ! Die Kommastelle war nicht zum Rechnen, sie gehörte zur Kosmetik und zeigte in diesem Falle an, dass es weiter bergauf geht. Im Bezirk überschlug man sich. Endlich war der große Durchbruch geschafft. Sehr lange hatte man darauf gewartet. Der vielköpfige Stab kam sofort zu einer Sondersitzung zusammen. Es musste etwas ganz außergewöhnliches sein. Abends 18 Uhr, das kam doch selten vor, wo doch der Chef des Bezirkes immer pünktlich das Haus verließ. Das glich sich aus, andere saßen dafür bis Mitternacht. Es wurde ein neuer Beschluss gefasst. Wer rastet, der rostet. Ein neuer Plan muss her. Jeder normale Schulanfänger hatte gelernt, da aus einer erreichten Quantität eine neue Qualität hervorging, wenn die Zeit dafür reif sei...! Sie war reif, überreif, das wussten angeblich auch alle. Das war gesetzmäßig, und wer maßte sich an, Gesetze in Frage zu stellen oder gar zu verletzen? Zwei Eier waren der Beweis. Sie wurden sofort fotografiert. Der Fotograf und die Bäuerin wussten zwar nicht warum, aber vor allem die Bäuerin freute sich, dass von Ihren Eiern Fotos gemacht wurden. Dann wurde alles dokumentiert und abgeheftet. Ein junger Wissenschaftler wurde noch am selben Tag mit einem neuen Thema für eine Doktorarbeit verpflichtet. Sollte dieser zufällig ein Dummkopf sein, dann gab es andere, die diese Aufgabe zur Zufriedenheit bewältigten. Die neue Qualität wurde am gleichen Abend noch verkündet und zum Gesetz vorgeschlagen. Einstimmig wurde das Gesetz angenommen. Der neue Plan wies vier Eier pro Henne und Tag aus.

Dies nahm man in der Plankommission mit Zufriedenheit auf. Zwei Eier waren der alte Plan. Eine Verdopplung war real, denn die Beweise sind aktenkundig. Und alle in der großen Kammer können sich ja nicht irren. Stolz übergab der Chef das Ergebnis Herrn H. Der verstand die Welt nicht mehr. Dauernd lag ihm dieser Chef in den Ohren, dass er die Pläne nicht und am Jahresende immer nur mit großen Anstrengungen erfüllen könne. Es ging doch mit ein bisschen gutem Willen und dem Studium der Vorbilder, vor allem der von Herrn H. Was hieß da, man könne den Exportplan nicht erfüllen. Es war doch klar wie das Ei des Kolumbus.
Ein Ei benötigt man pro Tag zum Verzehr, denn das Wohl seines Volkes geht über alles.
Ein Ei wurde bisher exportiert. Ganz natürlich, dass bei diesem Devisenmangel nun zwei Eier exportiert werden konnten.
Ein Ei ist für die Zulieferindustrie vorzusehen. Bisher etwas als Stiefkind behandelt, kam nun die Zulieferindustrie zu ihrem Recht. Die Bilanz musste also wieder einmal gestürzt werden. Irgendwelche Wissenschaftler brauchen dazu eine Matrix. Was hieß hier Matrix. Man sah es doch. Er, Herr H. brachte die Eier und nicht diese komische Matrix, und die sollte auch noch gestürzt werden. Das hatte ihm neulich seine Frau gesagt, und die musste es wissen, denn sie war ja Minister für Bildung. Den Wissenschaftlern ist einmal gewaltig auf die Finger zu sehen. Die bewilligte Fachrichtung Kybernetik wird ab sofort zu Gunsten der Erweiterung der Landwirtschaft gestrichen. Eines war ihm klar, von der Versorgung, vor allem seiner Genossen, wird kein Abstrich gemacht
Der Exportplan wurde jedes Jahr erfüllt. Herr H. aß jeden Tag sein Ei und viele seiner Genossen taten es auch. Sie aßen sogar mehrere.
Und das alles mit dem einen Ei der Bäuerin.

F.W. 1990




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