Storys

Erzgebirgsfritz und seine Eindrücke.

Fie "Fleckelbereifung". 1001




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Storys von Fritz. / stories from Fritz /


Es schreibt sich so zusammen - über Fritz, seine Heimat, aus ganz alten Zeiten und Fritz wagt einige Gedanken in die Zukunft.


70 Jahre teils heiter teils wolkig.


Die Fleckelbereifung.

(Das erste Fahrrad für Fritz.)


Fleckel war ein Ausdruck für Gummistücke, und da diese um eine Fahrradfelge angeord-net waren, eben Fleckelbereifung. Aus einem alten Autoreifen wurden 10 cm lange und 2-3 cm breite Gummistücke geschnitten, gebogen und zwischen die breiten Wülste der Felge geklemmt. Das Ganze wurde mit einem durchgezogenen Draht zusammengehalten. So genau weiß Fritz das auch nicht mehr. Viel wichtiger war, dass Fritz zu seinem 8. Ge-burtstag, um 1946, ein Fahrrad mit einer Fleckelbereifung bekam. Das war das schönste Geschenk, an welches er sich damals erinnern konnte.

Damit sauste er durch das Dorf - halt! Mit dem Sausen ging das nicht so schnell, es dau-erte sogar ein Jahr, ehe Fritz wirklich so richtig sausen konnte, in diesem Jahr war er et-was gewachsen. Dazu trug auch der Becher Milch bei, den es immer in der großen Pause in der Schule gab. Zuerst hingen aus dem Schulranzen nur der Schwamm für die Schie-fertafel heraus, jetzt hing auch noch ein Töpfchen am Ranzen, eben wegen dieser Milch - ein wirkliches "Gottesgeschenk", sagte die Mutter.

Das Fahrrad zu fahren war an einem Tag geschafft. Opa hielt hinten, Fritz kletterte auf das Rad, und auf einmal war Opa weg und es ging prima. Nur das Aufsteigen ging nicht. Fritz war zu klein, oder das Rad zu groß. Immer wurde es an eine Stufe geschoben, von der aus kam man ganz gut auf das Rad, und runter kam man schon irgendwie. Es sah auch recht verbogen aus, und es war auch verbogen, wenn man einfach ein Bein unter der Querstange durchsteckte und dann fuhr. Kaum vorstellbar, diese Übung war schon zir-kusreif. Aber Fritz war stolz auf sein Rad. Nicht viele Kinder hatten ein Fahrrad, und Fritz konnte überall fahren, ohne dass er ein Loch im Schlauch riskieren musste, denn da war nun mal kein Schlauch, sondern Fleckel aus Autoreifen.

Apropos Autoreifen; den hatte Großvater verbotenerweise 1945 nicht mit abgegeben. Un-freiwillig war vor und nach Kriegende so ziemlich alles zu Sammelstellen gebracht wor-den. Nach und nach war alles weg. Zuerst die Schneeschuhe, sie gingen auf kürzesten Weg an die Front, dann hatte Fritz nur noch eine Decke im Bett. Dann waren die Feder-betten verschwunden. Im Holzbett mit Strohfüllung und einer, im Winter zwei, überzoge-nen Decken konnte man auch schlafen. Dann schrieb Großvater eines Tages alles mit der Hand. Die Schreibmaschine war weg. Das Radio ging den gleichen Weg. Es war ein Blau-punkt mit einem großen Trommellautsprecher. Abends, ganz leise kroch Opa fast in den Lautsprecher, aus dem es immer bum - bum - bum - - bum, und nach einer Paus wieder bum - bum - bum - - bum machte. Auch einen Plattenspieler musste er abgeben, der hatte so einen schönen großen Trichter. Das Auto mit allem Zubehör musste Großvater auf den Sportplatz fahren und sah es nie wieder. Die Fahrräder gingen auch diesen Weg, und Mut-ter musste nun zum Bahnhof laufen. Zuletzt noch die goldene Sprungdeckeluhr. Das war komisch. Da kam ein Mann in einer recht zerknitterten Uniform ins Zimmer und sagte: "Uri, Uri" mein Großvater zog seine goldene Sprungdeckeluhr aus der Weste und wollte wohl sagen wie spät es sei, und noch einmal sagte der Soldat, als könne er nichts anderes "Uri, Uri und - weg war sie.
Den Autoreifen hatte Großvater zum Glück versteckt, und so konnte Fritz ab seinem 8. Geburtstag stolz auf dem eigenen Rad fahren.











Das Erzgebirge und seine "Männel".

Ich hörte heute einen Kommentar, den ich so verstand, dass die Weihnachtsmärkte unseres Erzgebirges zunehmend einer alten Tradition entbehren, nämlich den "Erzgebirgischen Spielzeugständen". Über die angedeutete Begründung will ich hinweggehen. Der Satz "Klasse statt Masse" ist doch in verschiedene Richtungen auszulegen.

Was wird uns die Zukunft bringen in Bezug auf einen "Erzgebirgischen Weihnachtsmarkt"?
Ein Schaulaufen, ein besonderes Ereignis wird es bleiben, aber im neuen Gewand.
Wir werden uns - mit Freude - daran gewöhnen, dass diese Schauveranstaltungen mit vielen, immer größere Ereignisse aufwartet - wir wollen es so!
Eines Tages werden wir uns aber besinnen, (das betrifft uns aber doch heute noch nicht (?) ) dass wir von unseren alten Traditionen leben und gewinnen können, unser Brauchtum pflegen und dazu gehören die kleinen Männel, kleine Pyramiden, Schwibbögen Striezelkinder Bergmann und Engel und eben alles was uns unserem Brauchtum so liebenswert gemacht hat.

Natürlich möchte ein Handwerker abheben mit einer Pyramide für 3000 Euro und einem Schwibbogen der, natürlich mit edelsten Metallen, noch mehr kostet - und Mutti geht mit "klein Marta" nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt um einen Pflaumentoffel zu erstehen, einen einzelnen Lebkuchen oder ein besonders hübschen kleinen Männel so für "Zwischendurch" - wie würde sich "klein Marta" darüber freuen und ihre Augen würden leuchten. Damit ist aber für den Handwerker kein Gewinn mehr zu machen.

Ich schaue noch in die Augen von Kindern auf dem Weihnachtsmarkt. Sie blicken nicht mehr so erwartungsvoll und neugierig wie ich es von früher kenne.
Heute ist der Kopf vorübergebeugt, der Blick starr auf ein elektronisches Gerät gerichtet. So sehe ich Kinder heute zunehmend.
Natürlich wird jeder sagen, den ich danach frage: "Mein Kind nicht!" Auch gut - ich frage eben immer die falschen Leute.

Eine Region zum Beispiel mit traditioneller Landwirtschaft, dazu gehören auch Kühe, und erzgebirgische Traditionen, so wie wir es eigentlich lieben und erwatet haben, kann sich nach meiner Meinung nachhaltig besser entwickeln als eine Ferienhochburg voll von modernen Ereignissen.
- Kitzbühl lässt grüßen!

F. W. 12/2015